Schielberg

Schielberg ist der höchstgelegene Ort Marxzells. Am Südrand der 991 Hektar umfassenden Gemarkung, wo die Randplatten des Schwarzwaldes nach Norden hin abfallen, werden über 550 m über NN erreicht. Wohl im Hinblick auf die topographische Lage wünschte die Gemeinde, dass eine Tanne das 1902 geschaffene Gemeindewappen zieren sollte. 1255 wurde Schielberg zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Zunächst nannte man den Ort "Scuhelberc", hergeleitet aus dem althochdeutschen Wort Sculla, was "Schädel" bedeutet und auf die eigenartige Bildung der Berghöhe, auf der Schielberg liegt, hinweist. Die heutige Ortsbezeichnung setzte sich Mitte des 19. Jahrhunderts durch.

 

Am Südostrand der Gemarkung liegt in romantischer Einsamkeit der "Schlotterhof", 1719von zugewanderten Salzburger Emigranten erbaut, von denen er auch seinen Namen bekam. Zur etwa gleichen Zeit wurden ebenfalls Auswanderer aus dem Salzburgischen oder Tirol im Steinhäusle angesiedelt. Der Weiler im Albtal liegt teils auf Schielberger, teils auf Herrenabler Gemarkung, wird also von der ehemaligen Landesgrenze zwischen Würrtemberg und Frauenalb/Baden durchschnitten. Ein Grenzstein und ein alter Obelisk erinnern an den Grenzverlauf, der in der Landkreisgrenze noch fortlebt.

 

Nach der Aufhebung des Klosters Frauenalb gehörte das engere Gebiet um das Kloster, der so genannte Klosterbann, zunächst keiner Ortsgemarkung an. Die Klostergüter wurden alsbald an Privatpersonen versteigert, die Klosterwaldungen als abgesonderte Waldgemarkungen behandelt. Vogt und Gemeindegericht in Schielberg waren von den Behörden zur Besorgung der Frauenalber Gemeindeangelegenheiten angehalten. Der Gedanke, dass Frauenalb eine selbständige Gemeinde bilden könnte, verbot sich wegen seiner geringen Größe. Es war also zu entscheiden, zu welcher Gemarkung das ehemalige Kloster geschlagen werden sollte, zu Burbach oder Schielberg. In Frauenalb wohnten nach den auf die Aufhebung folgenden turbulenten ersten Jahren sechs Familien und einige Einzelpersonen. Weder Burbach noch Schielberg hatten wegen der zu befürchtenden sozialen Lasten ein Interesse an der Zuteilung des Klosterareals. Die Verhandlungen des Bezirksamts Ettlingen führten zur „Untergebung der Ansied­lung Frauenalb unter den Ortsbann Schielberg", die mit der Urkunde vom 4. November 1819 besiegelt und geregelt wurde. Frauenalb erhielt einen Stabhalter, der aber nur eng begrenzte Zuständigkeiten hatte, alles andere fiel in die Dienstobliegenheiten des Schielberger Vogts und späteren Bürgermeisters. Erster Stabhalter wurde der Wirt und Sägmüller Martin Runge. Das Bürgerrecht in Schielberg bedeutete für die Frauenalber vor allem die Teilhabe am Bür­gernutzen, der unter anderem aus vier Klaftern (= 16 Ster) Bürgerholz bestand. Ab 1835 sind die Protokollbücher des Gemeinderats und des Bürgerausschusses und für die Jahre 1836-1919 die Protokolle der Gemeindeversammlungen, in denen die Beschlüsse in allen wichtigen öffentlichen Angelegenheiten getroffen worden sind, erhalten. Sie bilden eine wertvolle Quelle zur Geschichte des Dorfs in allen Lebensbereichen, aus der Schlüsse auf die Lebensverhältnisse der Dorf­bevölkerung und deren Veränderung gezogen werden können.

 

Auf die Umgestaltung der politischen Verfassung der Gemeinden bis 1831 wurde schon hingewiesen. Weniger geändert haben sich zunächst die wirtschaftlichen Verhältnisse. Die Landwirtschaft blieb nach wie vor die Grundlage des Lebensunterhalts für jedermann. Auf den sehr kargen Buntsandsteinböden waren die Erträge alles andere als üppig. Die Hofstel­len und Güter waren selten größer als etwa zwei Hektar. Angebaut wurden überwiegend Roggen, Hafer, Spelz und Kartoffeln. Für die Viehhaltung war die „Eckerichmiet" von Bedeutung, die Eichelmast der Schweine im Wald. Häufige Missernten brachten die ohnehin kärglich leben­den Menschen in Not.

Schon zu Zeiten des Klosters war die Nutzung des Waldes überlebensnotwendig. Von existentieller Bedeutung war hierbei der Bürgernutzen, in den Bürgersöhne mit Vollendung des 25. Le­bensjahrs eintraten oder andere sich einkaufen konnten. Um die Höhe dieses Bürgernutzens (3-4 Klafter Scheiterholz, auch von 6 Klaftern ist zeitweilig die Rede, und ca. 225 Ruten Wellen) kam es zu vielen Prozessen zwischen Gemeinde und nicht berechtigten Einwohnern. Dieser großzügig bemessene Bürgernutzen war möglich durch den Gewinn von rund 300 Hektar Wald, die der Gemeinde im Jahre 1818 aus den ehemaligen, nun staatlichen Klosterwaldungen als Gemeindewald zugesprochen worden waren. Brennholz, Bauholz, Streunutzung und die erwähnte „Eckerichmiet" waren die zur Siche­rung des Lebensunterhalts unverzichtbaren Ressourcen, die der Wald bot. Außerdem haben in jenen Jahren Waldausstockungen stattge­funden, um der wachsenden Bevölkerung land­wirtschaftliche Anbauflächen zur Verfügung zu stellen.

Die Gemeinde war durch ihren ansehnlichen Waldbesitz in der Lage, ihren in Not gerate­nen Einwohnern Unterstützung zu gewähren. So wird in mehreren Gemeinderatsprotokollen von 1851 und den folgenden Jahren berichtet, dass sich die Gemeinde veranlasst sah, finanzielle Mittel zum Ankauf von Lebensmitteln und Saatgut zur Verfügung zu stellen. Trotzdem sahen viele Bewohner keine Lebensperspektive in ihrer Heimat und wanderten aus. Vor allem in der Zeit zwischen 1830 und 1875, in der es immer wieder Hungerjahre gab, verließen Einzelpersonen und ganze Familien teils legal, teils illegal das Dorf, um sich in Nordamerika und Kanada, aber auch in Polen und Russ­land eine neue Existenz zu schaffen. Es lassen sich ungefähr 100 Auswanderer nachweisen. Da aber von Verwandten in Kanada und Nordamerika berichtet wird, die zum Kommen aufgefordert haben, müssen auch schon früher Leute aus dem Dorf ihre Zukunft außerhalb der Heimat gesucht haben. Nur wenige sind - wohl aus Heimweh - zurückgekehrt.

Die Bevölkerung Schielbergs verdoppelte sich von 245 Einwohnern im Jahre 1805 auf nahe­zu 550 im Jahre 1884. Angesichts steigender Bevölkerungszahlen und der Missernten konnte die Landwirtschaft immer weniger eine aus­reichende Ernährungsgrundlage für alle bieten. In Klosterzeiten hatten aus dem der Abtei am nächsten gelegenen Dorf viele als Handwerker und Dienstleute dort Arbeit gefunden. Auch die Gemeinde war immer schon Arbeitgeber. Waldarbeiter und Tagelöhner, Waldhüter und Brunnenmeister, Totengräber und Straßenwart, Schweine- und Viehhirt, aber auch die Hebamme standen für ein bescheidenes Zubrot in den Diensten der Gemeinde. Industrielle Arbeitsplätze auch für die Schielberger, z.B. in der Spinnerei und Weberei Ettlingen im vorderen Albtal, entstanden ab den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts. Die heutige Gummifabrik Hartig in Frauenalb wurde 1880 als Filiale der Weberei Neurod gegründet. Nicht unerwähnt sollen die Sägewerke im Alb-, Maisenbach- und Holzbachtal bleiben. Ältere Leute erinnern sich noch an die so genannten Notstandsarbeiten, durch die Gemeinde und Staat Verdienstmöglichkeiten im Straßen- und Wegebau schufen. An vielen Häusern im Dorf weisen Jahreszahlen an Türgewändern und Kellereingängen darauf hin, dass sie im 19. Jahrhundert gebaut worden sind. Im Jahre 1842 errichtete die Gemeinde in der heutigen Marxzeller Straße das Rat- und Schulhaus und im Jahre 1856 in unmittelbarer Nachbarschaft eine neue Kapelle. Einen Meilenstein in der Entwicklung des Dorfes bedeutete der Bau der Trinkwasserversorgung aus dem Holzbachtal in den Jahren 1893/94 für 60 000 Mark. Er brachte gravierende Verbesserungen in einem äußerst kritischen Bereich der dörflichen Infrastruktur, fehlen doch infolge der Höhenlage fließende Quellen im Dorf, und die weit außerhalb liegenden Igelsbrunnen und Krayenbrünnele versiegen in trockenen Jahren. Die Verwendung des in Zisternen gesammelten Regenwassers und der Ziehbrunnen war mit hohen gesundheitlichen Risiken verbunden gewesen. Eine wesentliche Erleichterung für die Bevölkerung brachte die Anlage eines eigenen Friedhofs im Gewann Anwendel im Jahre 1903 mit sich.

Der Bau der Albtalbahn im Jahre 1898 führte zu einem grundlegenden Wandel in der Beschäftigungsstruktur der Bevölkerung. Konnten doch nun die Arbeitsstätten, die früher nur zu Fuß erreichbar gewesen waren, jetzt von immer mehr Einwohnern erreicht werden, die zu Hause wohnen bleiben und als „Feierabendbauern" ihre bescheidene Landwirtschaft betreiben konnten. Durch ihr regelmäßiges Einkommen aus der Fabrikarbeit waren sie oft besser gestellt als die etablierten Bauern des Dorfes, was gelegentlich Neid erregte, weil man den „Fabriklern" nicht immer den gleichen sozialen Status zubilligte. Darin lebte durchaus das Denken in den Kategorien aus der Zeit der Ortsbürger und der Hintersassen fort.

 

Einschneidende Veränderungen hinterließen die beiden großen Kriege des 20. Jahrhunderts auch in einem kleinen Dorf wie Schielberg. Vermisste und Gefallene, aber auch Kriegsinvaliden waren zu beklagen, und wirtschaftliche Not war die Folge. Letzteres trifft auch für die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg (1914-1918) zu. Die zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts waren zwar einerseits geprägt von Inflation und Arbeitslosigkeit, andererseits zeugen sie mit der Gründung von Vereinen kultureller und sonstiger Ausrichtung von einer Aufbruchstimmung im Dorf und brachten für die Gemeinde ei­nen Modernisierungsschub. im Jahre 1921 wurde nämlich in Schielberg die Stromversorgung eingeführt, eine technische Revolution, deren Auswirkungen heute als selbstverständlich gelten. Nur im Katastrophenfall, wenn diese Energie kurzzeitig nicht zur Verfügung steht, wird uns bewusst, wie sehr die Elektrizität unseren Alltag prägt. Ein neues Schulhaus, das heute noch existiert, baute die Gemeinde im Jahre 1924. Der Zweite Weltkrieg (1939-1945) ließ uns Tod, Not und Flüchtlingselend in einem bisher nicht gekannten Ausmaß erleben. Deutsche Kapitula­tion, Besetzung, Flüchtlingselend, Vertreibung aus der Heimat, Währungsreform, Neubeginn sind die Stichworte von historischer Bedeutung für die Zeit nach dem Ende dieses Krieges.

Die erste große Herausforderung war die Unterbringung von Flüchtlingen, Evakuierten und Heimatvertriebenen und in Folge davon die Schaffung von ausreichend Wohnraum. Bereits im Jahre 1947 fasste der Gemeinderat den Beschluss, etwa einen halben Hektar Wald in der Abteilung 16 unterhalb der Waldstraße auszustocken. Auf Initiative von Pfarrer Emil Krämer baute die „Neue Heimat" mit privaten Bauherren vier Doppelhäuser. Weitere Häuser folgten. Im Jahre 1948 kaufte die Gemeinde eine Wohnwracke, die im „Hirtengärtle" aufgestellt wurde. Außerdem erwarb die Gemeinde im Jahre 1954 das Abteigebäude in Frauenalb, wo auch neue Wohnungen entstanden.

Ein Großereignis war die 700-Jahr-Feier im Jahre 1955. Der Mut und der Elan der Verantwortlichen und des ganzen Dorfes mit seinen damals knapp über 800 Einwohnern sind zu bewundern, wenige Jahre nach dem Ende des Krieges ein solches Vorhaben in Angriff zu nehmen und so erfolgreich zu Ende zu führen, dass es bis heute im Gedächtnis der Schielberger lebendig geblieben ist. Im Anschluss daran schrieb Heinrich Langenbach, der Organisator des damaligen Festzuges, die bis zum Jahr 1955 reichende Chronik der Gemeinde Schielberg. Eine Baulandumlegung am südlichen Ortsrand schuf Baugelände für etwa 60 Bauplätze. Die ehemalige gemeindeeigene Dreschhalle konnte dabei - durch die Vereine seither mehrmals ausgebaut - als Sommerfesthalle und hoch aktueller „Fasettempel" erhalten werden. Ihr Fortbestand ist Herzensanliegen der Schielberger. Im Jahre 1960 wurde der ehemalige Farrenstall abgebrochen und an seiner Stelle ein neu­es Feuerwehrhaus erbaut. Als die Gemeinde im Jahre 1964 mit dem Bau der Ortskanalisation begann, kam sie damit einer dringenden Notwendigkeit nach.

Die Jahre 1968-1970 waren in Schielberg, dessen Einwohnerzahl mittlerweile auf über 1000 angewachsen war, unter anderem geprägt durch die Diskussionen um die in Baden-Württemberg anstehende Kommunal- und Gebietsreform, die schließlich zur Bildung der Gemeinde Marxzell im Jahre 1971 führte. Heute hat Schielberg 1377 Einwohner und ein blühendes Vereins- und Dorfleben.
Wie in anderen Ortsteilen ist auch in Schielberg die Landwirtschaft nicht mehr die Quelle des Lebensunterhalts der Bevölkerung. Das ländliche Ortsbild wird jedoch liebevoll gepflegt. Die Bemühungen wurden im Jahre 1985 im Rahmen des Wettbewerbs "UNser Dorf soll schöner werden" durch die Verleihung der Goldmedaille gekrönt.

In der jüngeren Vergangenheit waren die Feierlichkeiten zu "750 Jahre Klosterdörfer Marxell" ein außergewöhnliches Event. Vor allem im Ortsteil Schielberg wurde das Jubiläum mit dem großen Festwochenende mit Festzug und historischem Handerwerker- und Bauerndorf, sowie weiteren Verwanstaltung besonders ausgiebig gefeiert.


Bürgermeister (vor 1831: Vögte) der Gemeinde Schielberg:

Matthäus Rabolt ab 1803, Johann Reichert ab 1823, Johannes Jäger ab 1839, Andreas Axtmann ab 1858, Johannes Fohmann ab 1870, Johannes Axtmann ab 1892, Florian Axtmann ab 1901, Wilhelm Becht ab 1919, Ludwig Kunz ab 1934, Josef Jäger VI ab 1941, Johann Reichert ab 1945, Max Brandel 1948 bis 1971.



Quelle: Die Informationen zur Ortsgeschichte stammen aus dem Artikel "Aus der Chronik Schielbergs" von Lothar Becht und Manfred Reichert aus der Festschrift zum 25-jährigen Vereinsjubiläum der Feuerwehrkapelle Schielberg aus dem Jahr 1983 sowie dem Festbuch zur 750-Jahr-Feier "Klosterdörfer Marxzell" aus dem Artikel zum Ortsteil Schielberg von 2005.

 

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Feuerwehrkapelle Schielberg e.V.